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Handel kann eine halbe Milliarde einsparen 3-4/17

92% der Handelsunternehmen tun etwas gegen Verschwendung

Der Handel setzt auf Eigeninitiative, um Abfall zu vermeiden, Recycling zu fördern und Verschwendung zu vermeiden. Gemäss einer neuen Umfrage von Handel Schweiz befassen sich 92% der Handelsunternehmen aktiv mit der Vermeidung von Abfall und Verschwendung. Kostensenkungen, Verantwortung und Image sind dabei die treibenden Kräfte. Nur 19% der Befragten sind für staatliche Lenkungsabgaben. Die grössten Verschwendungen im Handel betreffen die Verpackung, Energie und Zeit. Das Energiesparpotenzial des Schweizer Handels beläuft sich auf rund eine halbe Milliarde Franken. Neue intelligente Verpackungen bestehen heute aus Hanf, Mais und Altpapier. Vorerst noch ein Traum: Die Verpackung aus dem 3D-Drucker. Drohnen führen nicht zwingend zu mehr Verpackung.

Waste betrifft alle Formen von sinnloser oder fehlerhafter Verwendung, also von Verschwendung. Das kann vermeidbaren Abfall oder einsparbare Zeit, kürzere Wege oder intelligentere Abläufe betreffen. An einem Mediengespräch zeigte Handel Schweiz auf, wie der Handel das Thema Waste proaktiv angeht. Direktor Kaspar Engeli erklärte: «Beim Thema Verschwendung könnten wir uns alle gegenseitig beschuldigen und Sündenböcke suchen. Tatsächlich liegen die Lösungen jedoch im Miteinander.» Um der Sache stärker auf den Grund zu gehen, hat Handel Schweiz nach positiven Beispielen gesucht sowie eine Veranstaltung mit HandelsunternehmerInnen und eine Umfrage unter den 3'800 Mitgliedern durchgeführt.

Umfrage: Kein Druck durch Kunden, Öffentlichkeit und Politik
Die Umfrage hat ergeben, dass 92% des Schweizerischen Grosshandels wie auch des Detailhandels aktiv nach Einsparmöglichkeiten durch Vermeidung von Verschwendung sucht. Die Unternehmen sind vom Wunsch angetrieben, Geld einzusparen (89%), die Umwelt zu schützen (82%), verantwortungsbewusst zu handeln (61%) und das Image zu pflegen (47%). Druck seitens der Kunden spüren nur 11%, der Druck durch die Öffentlichkeit ist noch geringer – er liegt bei 7%. Nur 3,4% nimmt zum Thema Waste einen direkten Druck durch die Politik wahr. 68% der Mitarbeitenden sind gegenüber dem Thema Vermeidung von Waste positiv eingestellt. Dass Digitalisierung helfen kann, Waste und Verschwendung zu vemeiden, finden 46%. Nur 19% sind für staatliche Lenkungsabgaben.

Die intelligente Verpackung
An erster Stelle der Verschwendung nannten die Handelsunternehmen das Thema Verpackung. Mehr als zwei Drittel der Befragten sehen hier Handlungsbedarf. Verpackung hat vor allem beim Transport einen wichtigen Stellenwert (60%). Sie sichert Qualität bei 13% der befragten Unternehmen und unterstützt den Verkauf in 9%. Damit betrachten die Schweizer Handelsunternehmen das Thema Verpackung etwas anders als das internationale Marktforschungsfirma Mintel. Ihre Studie «Global Packaging Trends 2017» nennt als Trends für Verpackungen: Marke und Erlebnis vermitteln, Kunden binden – vor allem auch im Online-Handel – sowie den Trend zur intelligenten Verpackung. Peter Siegel vom führenden Verpackungsspezialisten Medewo bestätigte die Aussagen der Meinungsforscher zum Teil und zeigte Beispiele für intelligente Verpackungen; diese werden bereits heute im Handel eingesetzt. Die intelligente Verpackung erfüllt mehrere, einander widersprechende Ziele. «Im Onlinehandel legen die Waren einen immer längeren Weg zurück. Da muss die Verpackung die Ware schützen. Ausserdem übernimmt die Verpackung immer mehr die Kommunikation. Hier gibt es Konfliktpotenzial. Denn der Konsument möchte möglichst wenig Verpackung.» Diese sollte einfach zu entsorgen oder allenfalls wiederverwendbar sein. Tatsächlich ist der Verpackungsmarkt im Umbruch. «Intelligent verpacken bedeutet, dass die Verpackung nicht viel grösser als das eigentliche Produkt ist.» Ideal ist eine Verpackung mit einem Zusatznutzen. Bei empfindlichen Materialien, wie zum Beispiel Glas, reicht ein Karton rund um das Produkt nicht aus. Es benötigt zusätzliches Polstermaterial. Hier gibt es biologisch abbaubare Alternativen, zum Beispiel Füllchips aus Maisstärke. Neuheiten betreffen Füllchips aus dem nachwachsenden Rohstoff Papier,zu 100% rezyklierbar. Ein isolierendes Vlies aus 100% rezyklierbaren Nutzhanf wird bei gekühlten Lebensmitteln eingesetzt. Taschen, bei denen das Polstermaterial ebenfalls aus Papier ist und den gleichen Effekt wie Luftpolster hat, werden u.a. vom grössten Schweizer Automobilunternehmen eingesetzt, das pro Tag mit diesen Taschen über 2'000 Auto-Ersatzteile verschickt. Interessant ist, wie man mit einer neuartigen Stretchfolie für Paletten mit weniger Material auskommt. Die Lösung liegt im hochwertigen Rohstoff, mit dem die spezielle Folie produziert wird. Sie ist nur halb so dick wie herkömmliche Stretchfolie; sie hat aber die gleiche Haltekraft und erzeugt die gleiche Palettenstabilität.

Drohnen brauchen nicht zwingend mehr Verpackung
Für die Zukunft sieht Peter Siegel weitere Herausforderungen für Verpackungen: «Je nach Ausgangslage holt die Drohne das Paket nicht beim Hersteller ab. Der zusätzliche Weg durch die Luft bedeutet erhöhte Anforderungen an die Verpackung. Die Grösse und das Gewicht des Verpackungsmaterials sind bei dieser Transportart von entscheidender Bedeutung. Der Schutzfaktor  hingegen wird nicht stärker gewichtet als bei herkömmlichen Transportmitteln.» Auch 3D-Drucker senken das Versandvolumen und den Bedarf an Verpackungen nicht zwangsläufig. Zuerst müssen viele 3D-Drucker und das dazugehörige Material verschickt werden. So gehen heute Pulver und Harz für den 3D-Druck aus der Schweiz in alle Welt. Die Empfänger füllen das Material in Kartuschen, die wiederum an andere Firmen und die Endkunden versandt werden. Peter Siegel träumt von einer Verpackung, die sich sozusagen selbst an das Produkt anpasst – vielleicht kommt sie ja bald aus dem 3D-Drucker?

Leichtere TVs benötigen weniger Energie
An zweiter Stelle steht bei den befragten Detail- und Grosshandelsunternehmen das Thema Energie. 58% stellen Verschwendung von Energie fest. An erster Stelle liegt das Thema Energie bei den Massnahmen. 63% der Handelsunternehmen senken aktiv die Energieverschwendung. Kaspar Engeli, Direktor von Handel Schweiz: «Das ist ausgesprochen erfreulich. Denn die verschiedene Experten zum Thema Energieeinsparungen gehen bei Unternehmen von Einsparungspotenzialen von 15 bis 30% aus. Was heisst das in Zahlen? Der Handel gibt wenigstens 1% seines Umsatzes für Energie aus. Umgerechnet auf den Gesamtumsatz des Schweizer Handels, der bei CHF 345 Mrd. liegt, sind dies Energiekosten von rund CHF 3,4 Mrd. Würde der Handel 15% der Energiekosten einsparen, spart er rund eine halbe Milliarde Schweizer Franken ein. Das ist konservativ gerechnet. Würden, wie manche Experten meinen, 30% Einsparungen erreicht, so liesse sich rund eine Milliarde Schweizer Franken einsparen.»

Jean-Marc Hensch vom Branchenverband Swico stellte das Erfolgsgeschichte des Altgeräterecyclings vor: Die Schweiz war 1990 das erste Land, in welchem eine flächendeckende nationale Lösung aufzogen wurde. Mit der im Kaufpreis inbegriffenen vorgezogenen Recyclinggebühr werden das Sammeln, der Transport sowie die fachgerechte Demontage der Geräte und die Entsorgung der Schadstoffe finanziert. Swico betreibt seit 1994 das nationale Rücknahmesystem für ausrangierte Elektro- und Elektronikgeräte aus den Bereichen Informatik, Unterhaltungselektronik, Büro, Kommunikation, grafische Industrie sowie Mess- und Medizinaltechnik, nimmt also zum Beispiel Handys, Laptops, TV-Geräte, Kopiergeräte und Grossrechner zurück. Das System wurde von den Herstellern bzw. Importeuren freiwillig auf die Beine gestellt. Erst später hat der Gesetzgeber mit der Verordnung über die Rückgabe, die Rücknahme und die Entsorgung elektrischer und elektronischer Geräte VREG nachgezogen. Die gesetzlichen Grundlagen sind bis heute sehr schlank und einfach, was eine hohe Flexibilität mit sich bringt. Das System ist aufgrund der sehr grossen Synergieeffekte sehr kostengünstig. In den letzten Jahren konnte Swico die Effizienz weiter steigern und so die vorgezogenen Recyclingbeiträge reduzieren. Die Schweizer Bevölkerung hat im Jahr 2015 134‘000 Tonnen Elektro- und Elektronik-Altgeräte zur Entsorgung abgegeben. Das Gesamtgewicht ging damit im Vergleich zum Vorjahr leicht zurück (136‘000 Tonnen) – im Gegensatz zu den Stückzahlen, die nach wie vor eine steigende Tendenz aufweisen. Der Gewichtsrückgang ist vor allem auf die Verlagerung von sehr schweren Röhren- zu kompakteren und leichteren Flachbildschirmen zurückzuführen.

Zuerst Abläufe optimieren, dann digitalsieren
Gemäss der Umfrage von Handel Schweiz steht das Thema Zeitverschwendung an dritter Stelle bei den Handelsunternehmen. 50% der befragten Handelsunternehmen unternehmen etwas dagegen. Experten gehen in der Industrie von 50 bis 70% verschwendeter Zeit aus. Dies ist Zeit, die dem Kunden nicht in Form von Produkten verkauft werden kann. Darunter fallen Reklamationen, Fehler, falsche Absprachen, lange Wege und weiteres mehr. Durch Analysen und Änderung der Abläufe lässt sich die Produktivität um 10 bis 20% erhöhen – das entspräche 40 bis 60% effektive Produktivität in der Industrie, deren Partner der Handel ist. Hier ist also noch viel Potenzial vorhanden. Wichtig ist eine Erkenntnis zur Zeitverschwendung und Digitalisierung: Werden die Abläufe vor der Digitalisierung nicht sorgfältig analysiert und verbessert, ergeben sich schlechte digitalisierte Abläufe – Digitalisierung heisst also nicht per se schneller.

Kampagne in England: 15% weniger Lebensmittelverschwendung
6% der UmfrageteilnehmerInnen zählen zur Lebensmittelbranche. Gemäss einer Studie, die das Forschungsinstitut für biologischen Landbau Schweiz zusammen mit der «Food and Agriculture Organization of the United Nations» und Forschern der London School of Economics erarbeitet hat, betragen die globalen volkswirtschaftlichen Kosten von Nahrungsmittelabfällen 4% des globalen Bruttosozialprodukts. Auch in der Schweiz geht ein Drittel der für den Schweizer Konsum produzierten Lebensmittel entlang der ganzen Lebensmittelkette verloren. Spitzenreiter sind die Haushalte, welche 61% aller Verluste verursachen. Der grosse Verlustanteil der Verarbeitungsindustrie (22%) kommt hauptsächlich durch das Aussortieren minderwertiger Waren zustande. Bei der Gastronomie betragen die Verluste 13%. Der Gross- und Detailhandel ist für eine Verlustmenge von nur 4% zuständig. Gemäss einer Studie von foodwaste.ch werden jedes Jahr etwa 140'000 Lastwagenfüllungen verschwendet – das wäre eine Kolonne von Madrid bis Zürich. Pro Jahr wirft ein Haushalt durchschnittlich 1'500 bis 2'500 Franken weg. Die Tipps zur Reduktion im Haushalt klingen einfach – und sie sind machbar. Dazu zählen: Schauen Sie in den Kühlschrank, bevor Sie einkaufen. Ist der voll, brauchen Sie gar nichts mehr oder nur ein, zwei Zutaten, um ein Rezept zu vervollständigen. Schreiben Sie einen Einkaufszettel. Schöpfen Sie weniger. Verwerten Sie Reste kreativ, so können Sie sich an neuen Genüssen freuen. Das mag einfach klingen, ist aber sehr wirksam. Eine Studie aus England hat gezeigt, dass mit einer grossen Kampagne, bei der teils eben diese banalen Tipps den Konsumenten immer wieder eingebläut wurden, Food Waste innert fünf Jahren um 15% reduziert werden konnte!

Anreize schaffen statt mehr Gesetze
Alex Stähli, Geschäftsführer von Tischlein deck dich, zeigte auf, wie der Handel bereits heute in Zusammenarbeit mit 120 Abgabestellen von Tischlein deck dich 3‘753 Tonnen Lebensmittel sinnvoll Armutsbetroffenen zuführt. Tischlein deck dich ist 1999 aus der Lebensmittelindustrie heraus entstanden – aufgegleist von der damaligen Bon Appétit Group, initiiert von Anja Hübner, der Frau des damaligen Direktors der CC Prodega und Howeg AG. Der Ursprungsgedanke von Tischlein deck dich war es, Lebensmittel zu retten und zwar durch kontrollierte Abgabe an armutsbetroffene Menschen. «Dank Beat Curti, dem Besitzer der Bon Appétit Group hat Tischlein deck dich schon sehr früh ein durchdachtes Lösungskonzept erarbeitet und sich immer an den Qualitätsbedürfnissen der Lebensmittelindustrie orientiert», erklärte Alex Stähli. «Wichtigster Erfolgsfaktor ist, dass wir gleich funktionieren wie die vorgelagerte Lebensmittelindustrie. Wir sind ISO 9001-zertifiziert, haben genau dieselben Kontrollmechanismen, dieselbe Gesetzgebung wie die Lebensmittelindustrie. Wir haben sechs eigene Logistikplattformen, halten die Kühlkette ein und liefern die Ware mit unseren eigenen Kühlfahrzeugen an die Abgabestellen aus. Wir sind somit Logistiker und Detailhändler.» Tischlein deck dich hat 2016 16 Mio. Teller Lebensmittel gerettet und umverteilt. Gemessen am ganzen Food Waste in der Schweiz ist dies aber ein Klacks, etwas mehr als 1%.

Dialog mit den Konsumenten
Stähli plädierte dafür, Food Waste im gesamtgesellschaftlichen Kontext zu sehen. «Wir als Konsumenten sind Teil davon – eine Einstellungs- und Verhaltensänderung ist zwingend.» Es gibt verschiedene Initiativen gegen Food Waste. In der EU wird die Lebensmittelbranche gesetzlich dazu verpflichtet, ihre Produkte zu spenden. In der Schweiz wird eine Motion debattiert, die das Verbrennen von Lebensmitteln verbieten soll. Alex Stähli empfiehlt, auf Anreize statt auf neue Gesetze zu setzen. Der Geschäftsführer von Tischlein deck dich: «Der Konsument ist interessiert, einen Beitrag gegen Food Waste zu leisten. Bekommt er beim Einkauf nicht das gewünschte Produkt, ist er enttäuscht und kauft in Zukunft woanders ein. Reduziert ein Lebensmittelladen das Sortiment, ist es deshalb wichtig, dem Konsumenten Beweggründe und Nutzen zu vermitteln. Ein Brotladen zum Beispiel will abends nicht mehr das Gesamtsortiment anbieten, sondern nur noch drei länger haltbare Brote. Wenn er kommuniziert, dass er dies tut, um Food Waste zu vermeiden, leuchtet das dem Konsumenten auch ein. Bezieht man den Kunden in solche Entscheidungen ein, kann das zu spannenden Gesprächen führen. Zum Beispiel merkt der Kunde, dass er selbst oft Brot wegwirft, weil es schnell austrocknet.»

 

Handel Schweiz
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www.handel-schweiz.com

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